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Partizipation hört nicht mit achtzehn auf

Menschen wollen gestalten. Ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Feste. Und immer öfter auch den Abschied von denen, die sie lieben.

Immer mehr Angehörige wollen die Verantwortung für eine Trauerfeier nicht mehr ganz abgeben. Ein neues Verständnis von Abschied etabliert sich. Ich erlebe das in vielen Vorgesprächen für Trauerfeiern.

Deshalb eröffne ich dort einen Resonanzraum, in dem geteilt werden kann, was erzählt werden soll. Wer bin ich schon, dass ich daraus im Alleingang die perfekte Rede oder den perfekten Zuspruch mache? Das sind die Angehörigen, sie sind die Expert*innen für dieses Leben. Mein Ansatz ist konsequent co-kreativ. Ich schicke die Reden vorab zu und lade aktiv zum Miteinander ein. So gestalten wir gemeinsam, ohne alles allein der Rednerin zu überlassen.

Ausgedacht habe ich mir das nicht für Trauerfeiern. Es begleitet mich, seit ich fünfzehn war.

Es muss so um das Jahr 1994 gewesen sein. Die erwachsenen Mitarbeiter*innen der Jugendorganisation, zu der ich mich zugehörig fühlte, planten eine Werbeaktion. Als Jugendliche fand ich das ein wenig langweilig und dachte über alternative Methoden nach. Doch meine Ideen waren nicht so gefragt. Zu schillernd, zu originell und nicht seriös genug für eine kollektivistisch geprägte Kleinstadt im Osten der Republik kurz nach der Wende.

Einige Jahre später entschied ich mich für ein ehrenamtliches Engagement im Dachverband derselben kirchlichen Jugendorganisation. Dort wurde anders gearbeitet. Eigene Ideen wurden wertgeschätzt. Das ermöglichte mir erste Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Später arbeitete ich sogar hauptberuflich in diesem Jugendverband, wo selbstorganisierte Jugendarbeit mit Visionen und Zielen im Mittelpunkt stand. Und mitten drin das große P. Partizipation.

Die Arbeit sollte auf die Teilnehmer*innen ausgerichtet und handlungsorientiert sein und somit auch in unmittelbarem Bezug zu gesellschaftsrelevanten Themen stehen. Mit dieser Philosophie konnte ich mich gut identifizieren. Als dann das Thema Kinderschutz im Verband Einzug hielt, waren wir dabei. Schnell wurde klar, dass Kinderschutz und Partizipation eng zusammenhängen.

Starke Kinder sind zwar nicht automatisch besser vor Gewalt geschützt, aber Ernstnehmen, Vertrauen, ein Gefühl für die eigenen Grenzen, die Stärkung der Individualität und Möglichkeiten zur Mitgestaltung sind entscheidende Faktoren. Sie helfen, ein Bewusstsein für den eigenen Willen und die persönlichen Grenzen zu entwickeln. Vor allem aber tragen sie dazu bei, dass Kinder sich als wichtiger Teil der Gesellschaft fühlen und diese aktiv mitgestalten.

Diese Erfahrung wünsche ich auch meinen eigenen Kindern. Ich sehe, welchen Unterschied es macht, in welchem institutionellen Umfeld sie aufwachsen. Wenn Kinder erfahren, dass ihre Meinung zählt und sie einen Beitrag leisten können, dann kann das dazu führen, dass sie schon im Kindergartenalter bei Demos mitmachen, die Erzieher*innen bitten, ihnen Plakate zu beschriften, und sie auf die Demo begleiten. Oder dass es selbstverständlich ist, dass sie von der Kita aus ihre Eltern anrufen, um abzusprechen, dass sie am Nachmittag gern mit einer Freundin mitgehen möchten.

Eine gute partizipative Haltung in Einrichtungen kann man meiner Meinung nach daran messen, ob Kinder ihre eigenen Ideen umsetzen können und dabei unterstützt werden. Einen guten partizipativen Geist erkenne ich daran, dass Kinder von sich aus Tänze oder Theaterstücke einüben, Projekte organisieren und sich ein Publikum suchen.

Um Kinder pädagogisch unterstützen zu können, ist nicht nur theoretisches Wissen über die Kompetenz von Kindern erforderlich, sondern auch die ganz handfeste Erfahrung und das Erleben der nachhaltigen Auswirkungen von Partizipation. Das ist eine Haltung, die am besten vermittelt wird, wenn sie im eigenen Leben eine Rolle spielt. Es sollte klar sein, dass Kinder etwas zu sagen und beizutragen haben. Jedoch haben viele von uns das als Kinder leider nicht erlebt. Eigene Ideen und Impulse wurden nicht gesehen und nicht wertgeschätzt.

Ein Weiteres kommt hinzu. Wenn Mitarbeiter*innen Prävention umsetzen sollen, ihre eigene Arbeit jedoch von starren Vorgaben geprägt ist und sie selbst keine Partizipation erfahren, dann hat das auch keine Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen, die sie begleiten. Dann ist es nicht authentisch und prägt nicht für das Leben.

Wenn Kinder von klein auf erleben, dass sie etwas bewirken, verändern und gestalten können, dann bringen sie sich auch später in ihre Gemeinschaft ein. Sie organisieren Nachbarschaftsfeste, ergreifen die Initiative, wenn ihnen etwas missfällt, und übernehmen Verantwortung für ihr eigenes Leben, bis ganz zum Schluss.

Und genau hier schließt sich für mich der Kreis. Wenn Menschen im Leben selbstwirksam waren und gestaltet haben, dann macht es Sinn, die Angehörigen auch am Ende einzuladen, aktiv mitzugestalten, zum Beispiel beim Versorgen ihrer liebsten Menschen und bei der Trauerfeier.

Partizipation ist keine Methode, die mit der Volljährigkeit endet. Sie ist eine lebenslange Haltung, die uns bis zum letzten gemeinsamen Abschied trägt.